Grand Combin

Grand Combin
9.7.2016

Tatsächlich - und wie von der Hüttenwartin angedroht - begann es um drei Uhr morgens in den Schlafsäälen zu rumoren. Da der Schlaf auf dieser Meereshöhe nicht ein so tiefer war, fiel das Hervorkriechen unter den fantastisch weichen Duvets nicht so schwer. Ein Blick aus dem Fenster signaliserte, dass das Wetter wie angekündigt einwandfrei war. Ein Sternenmeer übersäte den mondlosen Nachthimmel. Im Tal unten waren die Lichter von Aosta zu erkennen. Es konnten also keine Ausreden mehr vorgebracht werden, die ein längeres Verweilen unter der Bettdecke gerechtfertigt hätten. Aber Morgenessen um diese Stunde gehört definitiv auch nicht zu denjenigen Verrichtungen, welche ich meinen Magensäften normalerweise zumute. Deshalb kürzte ich das Essen im Vertrauen ab, dass die Tagesenergie sonst irgendwo in meinem Körper gespeichert wäre. Die Hirnzellen aktivierte ich vergeblich mit der Frage nach den französischen Wörtern von "Spiegel" und "Linsen". Zeichensprache half, die Hüttenwartin verstand mich und ich konnte meine Sehhilfen innert nützlicher Frist montieren. Jetzt war alles bereit für die grosse Grand Combin Tour!

Um zwanzig vor vier Uhr starteten wir in stockdunkler Nacht. Wäre es nach Dani und mir gegangen, wären wir eine Stunde später losgelaufen. Es sollte sich aber noch weisen, dass wir diese Stunde gut gebrauchen konnten. Leider war die Nacht erst kurz vor unserem Start klar und kalt geworden, was es der Schneedecke verunmöglicht hatte, zu einer tragfähigen Schicht zu gefrieren. Wir sanken mehrmals tief und mühsam in der Sauce ein, was bereits mehr Energie kostete als gestern Abend für dieses Stück des Weges geplant wurde. Aber auch dies sollte nur ein Vorgeschmack auf das sein, was uns später erwartete. Item, bei Sonnenaufgang hatten wir die «Arête du Meitin» kurz oberhalb des gleichnamigen Passes erreicht. Es war der erste magische Moment des Tages. Ringsherum gingen die Lichter an den Gipfeln an, allen voran am imposanten Mont Blanc und seinen Trabanten wie Aiguille Verte und Grandes Jorasses. Kurzes Innehalten und Geniessen war das Gebot dieses Momentes! Die Batterien meiner Stirn- bzw. Helmlampe hatten auf genau denselben Zeitpunkt ihren Geist aufgegeben. Fast zu gut geplant (aber auch Glück gehabt), konnte Dani dazu nur sagen.

Jetzt folgte das beste Stück dieser Hochtour: der Meitingrat. Überraschend guter Fels und eine relativ einfache Wegführung liessen das Steigen genussvoll werden. Die Absicherung des Grates mit Bohrhaken - eher zu viel als zu wenig - war tadellos. Zudem begeisterte die frühe Morgenstunde mit ihrem tollen Licht. Vor uns gingen zwei Führerpartien, hinter uns eine weitere. Wir waren die einzigen führerlosen Touristen. Von diesem Umstand profitierten wir wegfindungstechnisch ungeniert. Zweimal wurden wir während dieses Aufstiegs an die Gefährlichkeit dieser Hochtour erinnert: Das erste Mal als Dani ein Stein an der Brust traf, den unser Partieseil gelöst hatte (ich kletterte vor). Das zweite Mal während unserer Pause, die wir am Rand eines Couloirs machten, als das Gesurr von fallenden Steinen (von den erwähnten Partien ausgelöst) die Stille durchschnitt. Die Vorstellung, so ein Geschoss an den Helm oder sonstwohin zu kriegen, manifestierte sich in unseren Köpfen als Horrorszenario.

Schon um einviertel nach acht Uhr, nach gut vier Stunden Aufstieg, erreichten wir den Combin de Valsorey. Wenn meine Tourenaufzeichnungen stimmen, so war das genau das hundertste Mal, dass ich einen Fuss auf einen Alpenviertausender setzen durfte. Am Hauptgipfel drüben, dem Combin de Grafeneire, spielte eine kleine Föhnwolke ihr neckisches Windspiel. Das ergab einmalige Szenen und natürlich gute Fotos! Wir machten kurz Pause um die wunderbare Aussicht zu geniessen und um einen Getreideriegel zu verdrücken. 

Nun folgte das leichteste Stück des Tages: der kurze Abstieg in die Scharte und der Aufstieg über den Schneehang zum Grafeneire. Diesen erreichten wir noch vor neun Uhr, sodass trotz des kalten Windes kurz Zeit blieb, die wirklich einmalige Rundsicht von hier oben zu geniessen. Weil die nächsten hohen Berge in einiger Distanz zum Combin liegen, reichte die Sicht buchstäblich über hunderte von Kilometern! Als nächstes folgte mein Versuch, Dani davon zu überzeugen, dass wir auch noch den 3. Combin, den Tsessette, besuchen könnten. Das bedeutete zwar einen beträchtlichen Umweg, aber Dani willigte vorerst ein. Aber es kam anders: erstens stiegen wir statt über die Aiguille du Croissant über den grossen Schneehang Richtung Couloir du Gardien runter. Und zweitens stellten wir beim überschlagsmässigen Zählen der noch fehlenden Abstiegsstunden fest, dass wir unweigerlich in die Mittagshitze und sehr weichen Schnee geraten würden. Also kehrten wir vor der Mur de la Côte um, indem mich Dani davon überzeugte, dass wir uns besser gleich an den Abstieg machen sollten. Und weil auch die beiden Führerpartien vor uns diesen Abstiegsweg gewählt hatten, peilten auch wir das berühmt-berüchtigte Couloir du Gardien an. 

Etwas verstimmt und traurig über die entgangene Chance, auch noch den dritten Combin zu besteigen, machten wir uns an den Abstieg über dieses gut 50° steile Couloir. Und hier passierte es nun: ganz oben beim Einstieg rutschte ich auf meinen Steigeisen weg. Ich versuchte mit Pickel zu bremsen, aber nur dank Dani und seiner Geistesgegenwart konnten wir einen Absturz vermeiden. Hätte er mich nicht gehalten: es hätte für uns beide fatal geendet. Was für ein Glück und was für eine super Reaktion meines treuen Bergkameraden! Mit zittrigen Knien und ganz vorsichtig setzte ich nun den Abstieg im Rückwärtsgang fort, schön gesichert von Danis Pickel. So brauchten wir ziemlich lange durch dieses unangenehm steile und bedrohliche Couloir bzw. den Eishang, dessen Länge gut und gerne 400 Höhenmeter beträgt. Es drohen Séracs von oben, von welchen die einheimischen Hüttenwarte und Bergführer behaupten, es seien schon lange keine mehr abgebrochen. Trotzdem ist dieser Abstieg alles andere als erbaulich! Nach quälend langen zwei Stunden langten wir im Kessel des Corbassière-Gletschers an, froh, diesem Hang unversehrt und eisschlagfrei entkommen zu sein. Irgendwie stand ich gar nicht mehr richtig in den Bergstiefeln: ständig knickte mein Fussgelenk ein und stolperte ich somit über meine eigenen Füsse. Ob das an den zu weichen Schuhen, der Müdigkeit oder meiner Ungeschicklichkeit lag bleibe einmal dahingestellt. Heute und aus der Distanz beurteilt meine ich, dass der weiche Schuhschaft verursachend an der Szene beim Einstieg ins Couloir war. 

Unsere Abstiegsodysee war aber mit dem Erreichen des Corbassière-Beckens noch lange nicht beendet. Das nächste Hindernis war der Col des Maison Blanches bzw. dessen steile Hänge unterhalb. Beim Augenschein von oben entschieden wir uns gegen einen Abstiegsversuch über diese erneut bedrohlichen Hänge. Stattdessen peilten wir wieder den Col du Meitin an, wo wir am Morgen den Grat erreicht hatten. Da wussten wir wenigstens, was uns erwarten würde. Und notfalls konnten wir nochmals in der Valsorey-Hütte übernachten. Leider bedeutete dieser Entscheid auch 200 Meter Gegensteigung. Zum Glück war auf dieser Seite des Cols der Firn noch tragfähig, was die Aufgabe erträglich machte. Aber was dann vom Col hinunter zur Cabane Valsorey folgte ist nur noch mit den Adjektiven derb, heftig und grausam zu bezeichnen. Der Schnee beziehungsweise dessen Aggregatszustand Glubscher-Pflotsch liess das Hinunterwühlen zu einem argen Kampf mutieren. Definitiv kein Vergnügen mehr! Nur die Aussicht auf beliebige Mengen Cola und Eistee in der Hütte trieben einem noch runter. Mit komplett durchnässten Schuhen, Socken und Hosen und beträchtlich angeschlagener Kondition rollten wir in die Valsoreyhütte ein. Jetzt war erstmal Durstlöschen und Pause machen angezeigt. Auch ein Versuch, Schuhe und Hosen zu trocknen wurde - allerdings wenig erfolgreich - unternommen. Etliche Colas und eine Stunde später entschlossen wir uns um fast halb vier Uhr nachmittags, doch noch den Weg ins Tal runter anzutreten. Leider gab es von hier oben nicht viele andere Tourenmöglichkeiten und Lust auf weitere Hochtouren-Schindereien hatten wir vorerst nicht. 

Ziemlich langsam, aber wenigstens nicht mehr durstig, ging es nun über den Hüttenweg Richtung Tal. Dank Skistöcken konnte ich mein lädiertes und schmerzendes Knie entlasten. Die Abkürzung über die «Echelles», eine kurze Klettersteigpassage, verkürzte den Weg. Für die nach wie vor grosse Blumenpracht am Wegrand hatte ich nur noch mässige Begeisterung vorrätig, das Tieferkommen und Wassertrinken waren vordringlicher. So war denn das Angebot eines Fiat Cinquecentofahrers samt Pudel hochwillkommen, der uns ab Cordonne bis nach Bourg St. Pierre mitnahm. Dort unten beratschlagten wir drei Varianten für die Fortsetzung unserer Tour. 1. nach Hause fahren, 2. nach Zermatt zu wechseln und die Breithorn Überschreitung anzugehen (ursprünglicher Plan) und 3. mit leichtem Gepäck eine Wanderung im Val d'Entremont zu unternehmen. Die dritte Möglichkeit gewann unseren Konsens, sodass die nächste Sorge der Suche nach einer Unterkunft galt. Mit dem kleinen Bus der lokalen Busgesellschaft ging es nach Orsières, wo wir leider bei Nachfrage im Hotel Bahnhof feststellen mussten, dass sämtliche freien Betten wegen des Wallisser Trachtenfestes ausgebucht waren. Die freundliche Kanadierin an der Rezeption des Hotels half aber bei der Suche nach Alternativen und wurde in Liddes fündig. Das lag zwar dort, woher wir gekommen waren, aber besser ein entferntes Bett als gar kein Schlaf. So bestiegen wir eine Stunde später, versorgt mit Bier und erleichtert um etliche Kilos Hochtourengepäck, genau denselben Bus mit demselben Chauffeur wieder, der uns schon hierher gebracht hatte. Weil nicht nur wir uns über diesen Zickzackkurs wunderten, liess uns der Fahrer kostenlos mitfahren. 

Nach einer Dusche im etwas heruntergekommenen Hotel du Grand St. Bernard in Liddes gab es dann um halb neun Uhr endlich die Grossportion Croûte au Fromage, die wir uns heute wahrlich verdient hatten. 

Id2649
Datum09.07.2016
TourGrand Combin
Ziel erreichtJa
RouteCabane de Valsorey - Col du Meitin - Arête du Meitin - Combin de Valsorey - Combin de Grafeneire - Couloir du Gardien - Col des Maisons Blanches - Col du Meitin - Cabane de Valsorey - Chalet d'Amont - Bourg St. Pierre
GipfelGrand Combin de Grafeneire 4314m; Grand Combin de Valsorey 4184m
BegleiterDani
GebietWalliser Alpen
TourentypHochtour
HM aufwärts1563
HM Abstieg2755
Distanz km25.12
VerhältnisseSchnee nur knapp gefroren bis Col du Meitin, Grat trocken. Gipfelplateau Trittfirn. Ab Col du Meitin bis Hütte runter arger Glubscher (einsinken bis Knie)
HüttenCabane de Valsorey 3037m
Feat. FotoDSC00641.JPG
TourenideenCombin de la Tsessette
Aufstiegszeit08:20:00
Abstiegszeit06:20:00
SchwierigkeitS
Wetterschön - wolkenlos
MaterialHochtour mit Seil, Eismaterial

volle Distanz: 17843 m
Maximale Höhe: 4290 m
Gesamtanstieg: 1704 m
Gesamtabstieg: -2907 m
Gesamtzeit: 14:25:44
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